
Vor dem Oberlandesgericht Dresden läuft gegenwärtig eines der größten Strafverfahren gegen Antifaschist_innen in der Geschichte der Bundesrepublik. Teil der Anklage ist auch ein Angriff am 08.01.2019 auf den damals 30 Jahre alten Tobias Nees, der an diesem Tag im Leipziger Stadtteil Connewitz Kanalarbeiten durchführte. Während in den anderen Anklagepunkten die Opfer der Angriffe als aktive und teils einflussreiche Neonazis ausgemacht wurden, ist die Einordnung des politischen Hintergrunds von Nees bisher weitgehend ausgeblieben.
In der Presse heißt es unisono, dass der Angegriffene, der aus dem Raum Querfurt (Sachsen-Anhalt) stammt, nur aufgrund eines „falschen“ Bekleidungsaccessoires zusammengeschlagen und schwer verletzt worden sei. Aus einer Mütze von „Greifvogel Wear“, einer ausschließlich in der Neonazi-Szene verbreiteten Kampfsport-Marke, wird „irgendeine Mütze“, die „möglicherweise auch in der rechten Szene“ beliebt sei, wie es der Präsident des sächsischen Geheimdienstes, dem „Landesamt für Verfassungsschutz“, in einer kürzlich erschienen TV-Dokumentation ausdrückt. War Tobias Nees nur zur falschen Zeit am falschen Ort mit der falschen Mütze bekleidet? Seine Aussagen dazu vor Gericht und die mediale Berichterstattung stehen jedenfalls im Widerspruch zu dem, was zu Nees und seinem Neonazi-Freundeskreis bekannt ist.
Das Narrativ
In der Berichterstattung wurde der Angriff auf Tobias Nees von Beginn an so aufbereitet, dass das Bild entsteht, die angeklagten Antifaschist_innen hätten blutrünstig und skrupellos gehandelt. Es habe hier einen Unschuldigen getroffen, der mit überzogener Härte angegriffen worden sei. Und das nur, weil er eine Mütze einer rechten Marke trug. In einer im April 2026 erschienenen Dokumentation des „Bayrischen Rundfunk“ (BR) mit dem Titel „Linksextremismus – Die unterschätzte Gefahr?“ erzählt Tobias Nees in einem anonymisierten Interview „exklusiv“ seine Geschichte und geht dabei detailliert auf seine Verletzungen sowie die Folgen des Angriffes ein. Eine Zugehörigkeit zur Neonazi-Szene zum Zeitpunkt des Angriffes negiert er. Neben ihm kommt auch Dirk-Martin Christian, Präsident des sächsischen Verfassungsschutzes, zu Wort. Auch er ist sichtlich bemüht, dieses Narrativ aufrecht zu halten. So fabuliert er in der Doku in Bezug auf Nees: „Das war auch ein typischer Fall, wo man gemeint hat, das sei ein Rechtsextremist. Der war das gar nicht. Der hatte irgendeine Mütze auf, die man möglicherweise auch in der rechten Szene trägt. Soweit ich weiß, hatte er auch mal Bezüge zur rechten Szene, aber zu dem Zeitpunkt als er angegriffen wurde, nicht.“
Der Mythos

Nees trug am 08.01.2019 eine Mütze der Marke „Greifvogel Wear“. Die Marke wurde 2013 vom bekannten und seit den 1990er Jahren aktiven Neonazi Sebastian Raack ins Leben gerufen. Als „nationale“ Kampf- und Kraftsportmarke trat „Greifvogel Wear“ vielfach als Sponsor neonazistischer Kampfsport-Teams und als Unterstützer einschlägiger Events wie dem „Kampf der Nibelungen“ auf. Mit dem Zusatz „Radical Warrior Clothing“, dem Leitspruch „Strength Against The Modern World“ und mit Motiven, die eine Ungleichheit von Menschen suggerieren, unterstreicht die Marke den eigene Vormachtanspruch und droht, als „radikale Krieger“ und mit ,,Stärke“ jenen zu begegnen, die sich für die „moderne Welt“ einsetzen. Diese Botschaft sendet die Marke nicht subtil, sondern vermittelt sie plakativ mittels Motiven und Schriftzügen. „Greifvogel Wear“ ist gleichermaßen Bekenntnis und Erkennungszeichen, besonders von und für sich elitär verstehende Neonazis aus dem Kampf- und Kraftsport-Bereich. Auf der Mütze, die Tobias Nees in Leipzig-Connewitz trug, prangte neben diesen Schriftzügen außerdem ein mathematisches Ungleich-Zeichen (ein durchgestrichenes Gleichheitszeichen). Das Symbol findet in der extremen Rechten zunehmend Verwendung und bringt die eigene rassistische und sozialdarwinistische Ungleichwertigkeitsideologie zum Ausdruck.
Das Tragen eines Bekleidungsartikels dieser Marke kann nicht mit dem Tragen von „in rechten Kreisen beliebter Modelabel“ vergleichen werden, wie es im Urteil des ersten „Antifa Ost“-Prozess verharmlosend heißt. Denn „Greifvogel Wear“ ist keine übliche rechte Szenemarke wie etwa „Thor Steinar“ oder „Label 23“, sondern hebt sich, wie oben beschrieben, deutlich von diesen ab. Das macht nicht zuletzt der Umstand deutlich, dass „Greifvogel Wear“ ausschließlich in Neonazi-Versänden zu erwerben ist, hauptsächlich bei „OPOS-Records“, dem Musik-Label von Markengründer Sebastian Raack.

„OPOS” ist die Abkürzung für „One People One Struggle“, (dt. „Ein Volk, ein Kampf”), eine Parole die in ihrer Übersetzung Assoziationen zu der nationalsozialistischen Losung „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ weckt. Das wohl beliebteste Motiv aus dem Hause „OPOS-Records“ bildet der Spruch „One Family – Today – Tomorrow – Forever“, (dt. „Eine Familie – Heute – morgen – für immer“). Das in gotischen Lettern gehaltene Logo findet sich in unterschiedlichen Farbkombinationen auf T-Shirts wieder, wird als Heckscheibenaufkleber verkauft und gern als Tattoo-Motiv genutzt. „One Family“ soll die enge Bande der RechtsRock-Bands beschwören, die auf „OPOS-Records“ erscheinen: „Blutzeugen“, „Terrorsphära“ und u.a. „Burning Hate“. Gleichsam wird das Zielpublikum, die Käufer_innen, einbezogen, wodurch ein Bund entsteht, der bewusst ein Gefühl vermitteln soll, das stärker als Kameradschaft ist: Bruderschaft, Familie. Das antifaschistische Informationsportal „Das Versteckspiel“ schreibt dazu treffend: „One Family ist ein Bekenntnis zum NSHC (Anmerkung: „National Socialist Hardcore“) und vermittelt seinen Träger:innen, einem harten, eingeschworenen Szenekern anzugehören. Darüber bedient One Family ein Bedürfnis nach Distinktion, nämlich die Abgrenzung von der rechten Masse und die Zurschaustellung eigener Besonderheit und Radikalität.“
Genau dieses, von „OPOS-Records“ gestaltete und verbreitete „One Family“-Motiv prangt als Tattoo am Hals von Tobias Nees.
Wer ist Tobias Nees?

Als Jugendlicher habe Nees mal der Neonazi-Szene angehört, sagte er im Dezember 2025 vor Gericht als Zeuge aus. Er sei wegen des Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole und wegen einer gefährlichen Körperverletzung verurteilt worden. Als 16-Jähriger bekam er deswegen eine sechsmonatige Bewährungsstrafe. Sowohl im ersten „Antifa Ost“-Prozess als auch im gegenwärtigen Verfahren betonte er reuig, die Neonazi-Szene hinter sich gelassen zu haben. Zugleich gibt er unumwunden zu, einst „sehr gut vernetzt“ gewesen zu sein. Jetzt habe er nur noch ein paar Freunde aus der Szene und denen würde er auch zum Ausstieg raten, so protokolliert es der Solidaritäts-Blog für den entsprechenden Prozesstag.
Doch war seine „Karriere“ in der extremen Rechten zum Zeitpunkt des Angriffs wirklich schon beendet oder war die Reue vor Gericht nur ein Lippenbekenntnis?
Das besagte „One Family“-Tattoo am Hals habe er sich 2016 gemeinsam mit „10 Mann“ stechen lassen, gab Nees vor dem Oberlandesgericht Dresden an. Einen, der das Motiv ebenfalls am Hals trägt, Sandro Schulz, habe Nees nach dem Angriff auf ihn im Januar 2019 zeitnah angerufen. Damals meinte Schulz zu ihm, dass es ja klar sei, dass so etwas passiere, wenn man so eine Mütze in Leipzig-Connewitz trage. Schulz’ Aktivismus in der Neonazi-Szene reicht bis in die 2000er Jahre zurück, seine Teilnahmen an überregionalen Aufmärschen und RechtsRock-Konzerten sind seit 2010 fotografisch dokumentiert. Er gehörte einst den „Freien Kräften/Autonomen Nationalisten“ im Raum Merseburg (Sachsen-Anhalt) an. Am 1. Mai 2015 in Saalfeld war Schulz Teil einer Gruppe Neonazis, die bei der Anreise zum Aufmarsch eine Gruppe Gegendemonstrant_innen brutal zusammenschlug. Später, um das Jahr 2023, war Schulz Mitglied der Neonazi-Bruderschaft „Brigade 8 – Mittel/Elbe“, die im Raum Bitterfeld-Wolfen aktiv war und als Unterstützergruppe des rechtsterroristischen „Combat 18“-Netzwerks galt. Heute ist Schulz nach wie vor bundesweit bei Aufmärschen anzutreffen, zuletzt am 1. Mai 2026 in Essen. Sein Wohnhaus und ein angrenzender Garten in Kistritz, ein Dorf zwischen Naumburg und Zeitz, dienen seit Jahren als Treffpunkt des Neonazi-Freundeskreises. Dort entstand im August 2020 ein gemeinsames Bild mit Tobias Nees, das Schulz auf Social Media teilte und mit dem Kommentar versah: „freunde sind für ein da wenn man sie braucht“ (Fehler im Original).

Neben Schulz ist auch ein weiterer bekannter Neonazi Teil des Freundeskreis um Tobias Nees: Felix Stiller aus Leuna (Sachsen-Anhalt). Auch er trägt das „One Family“-Tattoo am Hals. Stiller gehörte der 2018 gegründeten Neonazi-Sportgruppe „Fightclub 062“ an, ein Zusammenhang von Kampf- und Kraftsportlern aus Halle (Saale), Leuna, Köthen und Dessau. Die Gruppierung nahm mit einem eigenen Team etwa am extrem rechten „Tiwaz“-Turnier 2019 bei Zwickau teil, reiste zu Events wie dem neonazistischen „Pro Patria“-Turnier 2019 nach Griechenland und war zuletzt offizieller Unterstützer des „Kampf der Nibelungen“. Als politischer Zusammenhang nahmen die Protagonisten des „Fightclub 062“ gemeinsam an überregionalen Aufmärschen, wie am 1. Mai 2018 in Erfurt, teil. Enge Kontakte wurden zudem zu der als rechtsterroristisch geltenden Kampfsportgruppe „Knockout 51“ gepflegt. Der „Fightclub 062“ tritt in dieser Form heute nicht mehr öffentlich in Erscheinung. Einzelne Personen aus dem Kreis sind gegenwärtig beim Stützpunkt „Anhalt“ der Neonazi-Partei „Der III. Weg“ aktiv, andere, wie etwa Felix Stiller und Dominic Exel, trainieren heute in Halle (Saale) in der rechten „Gladiator Fight Academy“. Stiller ist außerdem Mitglied des rechten Rockerclubs „Underdogs MC“.
Weder zufällig noch wahllos
Das Bild, dass es sich bei dem Angegriffenen im Januar 2019 in Leipzig-Connewitz nur um einen ahnungslosen Kanalarbeiter handelte, der sich nicht bewusst war, welche Außenwirkung das Tragen einer „Greifvogel Wear“-Mütze haben könnte, bröckelte schon im ersten „Antifa Ost“-Prozess. So gab Tobias Nees damals an, dass er die Mütze im Jahr 2011 von einem Freund geschenkt bekommen habe. Die Marke gibt es bekanntlich aber erst seit dem Jahr 2013.
Sein „Ausstieg“ aus der Neonazi-Szene im jugendlichen Alter ist ebenfalls wenig glaubhaft. Schließlich hat er sich noch mit Ende 20 das „One Family“-Tattoo am Hals tätowieren lassen und bis nachweislich Sommer 2020 verkehrte er in seinem Neonazi-Freundeskreis. Getreu dem „One Family“-Leitbild: „Today – Tomorrow – Forever“.
Tobias Nees ist damit nicht der einzige Angegriffene im „Antifa Ost“-Komplex, der vor Gericht und in den Medien als unpolitisch und ahnungslos inszeniert wurde, um aufzuzeigen wie vermeintlich wahllos die angeklagten Antifaschist_innen vorgegangen wären. Auch im Fall der im Februar 2023 in Budapest im Rahmen des NS-verherrlichenden „Tag der Ehre“ Angegriffenen, darunter die Neonazis Robert Fischer und seine Begleiterin aus Niedersachsen und der Ungar Lázló Dudog, wurde lange der Mythos aufrecht gehalten, dass diese nur „Bürger, Touristen und Passanten“ gewesen seien. Fischer habe nur an einem Konzert teilgenommen, Dudog sei dort mit seiner Band als Musiker aufgetreten. Dass es sich bei dem Konzert um die vom Neonazi-Netzwerk „Blood & Honour“ (B&H) ausgerichtete „Willkommensfeier“ zu den Gedenkveranstaltungen rund um den „Tag der Ehre“ handelte, wurde medial zumeist ausgespart. Dass sich in diesem Rahmen ein internationales Netzwerk von Neonazis traf, dessen Verbindungen bis in den Rechtsterrorismus reichen, fand keine Erwähnung. Mit Jörg Anke aus Sachsen nahm an dem Konzert unter anderem ein langjähriges B&H-Mitglied teil, das beste Verbindungen ins NSU-Unterstützernetzwerk unterhielt.

Jörg Anke am Einlass des B&H-Konzertes im Februar 2023 in Ungarn (Quelle: Pixelarchiv) / Rechtes Bild: Jörg Anke (rechts) mit „Blood & Honour – Europe“-Mütze am „Tag der Ehre“ im Februar 2018 in Ungarn (Quelle: Pixelarchiv)
Darüber hinaus besuchte eine Gruppe von Neonazis aus Sachsen und Sachsen-Anhalt das Konzert, bekleidet in Pullovern und Jacken mit dem Aufdruck „Division 45“. Zu der Gruppe gehörte Oliver Malina, RechtsRock-Netzwerker und B&H-Aktivist aus dem Raum Halberstadt. Die Kameradschaft gibt es heute nicht mehr. Aufgrund der Angst vor staatlicher Repression verkündete die „Division 45“ im Herbst 2023, gemeinsam mit der „Arischen Bruderschaft“, ihre Selbstauflösung.
Zusammenkünfte, wie die hier skizzierten Konzerte, Feiern und Aufmärsche, sind nie zufällig oder wahllos. Sie sind der Kitt der Szene, Ausdruck der Ideologie und Moment der Selbstbestätigung. Eine ähnliche Funktion besitzen Bekleidungsartikel und Tattoos, durch die Identität gestiftet und Botschaften gesendet werden, darunter Beleidigungen, Drohungen und Überlegenheitsfantasien.
Das Werk kann nicht vom Künstler getrennt werden, heißt es. Nicht wissen zu wollen, welche Marke man trägt und welches Konzert man besucht, ist eine Ausrede von Neonazis, die entgegen aller Behauptungen und medialer Relativierung sehr genau wissen, was sie tun.
